Die Kunstwartenden im explodierenden Raum

Der französische Regisseur Gaëtan Dupont schockte das Berliner Opernpublikum im März mit einer Inszenierung von Puccinis LA BOHÈME, die als „neue Dimension des Begriffs ‚Chaos'“ in die Annalen der Feuilletons einging.

Mit tAMtAM berlin spricht er über asketisches Warten, genmanipulierte Räume und seine Projekte zur Abwanderung in Ostdeutschland.

tAMtAM berlin: Herr Dupont, Sie sind seit über fünfzehn Jahren in Berlin und haben erst im letzten Monat Ihre erste Inszenierung herausgebracht. Was haben Sie in der Zwischenzeit getrieben?

Gaëtan Dupont. Foto © tAMtAM berlin.

Dupont: Als arbeitsloser Regisseur die Sozialleistungen der Deutschen getestet.

tAMtAM berlin: Sie hatten keinerlei Angebote?

Dupont: Doch, doch, selbstverständlich hätte ich die Möglichkeit gehabt, zu arbeiten.

tAMtAM berlin: Aber Ihnen stand nicht der Sinn danach.

Dupont: So würde ich das nicht nennen. Es war vielmehr eine lange, kraftraubende.. Übung.

tAMtAM berlin: Eine Übung.

Dupont: Sehen Sie, alle Welt spricht davon, dass die Kunstschaffenden im Grunde mehr warten als schaffen. Sie warten auf alles Mögliche: Auf Angebote natürlich; gelegentlich auch auf bessere Angebote; auf ihren Vertrag; darauf, entdeckt zu werden; auf Geld, Ruhm und Ehre, auf die Liebe. Auf die vollkommene künstlerische Freiheit.
Wir leben in der Zeit der Kulturwartenden.

tAMtAM berlin: Und Sie wollten diesen Wartenden ein Gesicht geben?

Dupont: Ja und Nein. Ich war in den Jahren bevor ich hierher kam ein Typus aus einer anderen Zeit – ich hatte Arbeit im Überfluss. Aber ich hörte von immer mehr Leuten, die in der Jetztzeit angekommen waren und sich durch diese Löcher zwischen den Produktionen quälten. Ich lege großen Wert darauf, dass ich mich dem stelle, was um mich herum vorgeht.

tAMtAM berlin: Also wurden Sie zum Wallraff der Theaterszene.

Dupont: Es hat viel Überwindung gekostet, mich aus all diesen Schemata zu lösen. Zukunftsangst, ausgebremste Karriere, Sie wissen schon. Das Warten ist ja im Grunde eine Zeit, die nicht zählt. Man hängt zwischen zwei Stühlen, man hofft auf irgendetwas und motiviert sich so zum Weiterwarten. Aber haben, nein, man hat eigentlich überhaupt nichts.

tAMtAM berlin: Wie geht man, gehen Sie mit einer solchen Situation um?

Dupont: Der klassische Fall: Verdrängung.

tAMtAM berlin: Welche Formen?

Dupont: Einfach alles. Man probiert sich so durch. Aktuell: Whisky aus der Bretagne.

tAMtAM berlin: Was hat Sie schließlich dazu bewogen, doch wieder mit Ihrer eigentlichen Arbeit zu beginnen?

Dupont: Irgendwann reicht es. Ich hatte mir eine Zeitmarke gesetzt. Und als die in greifbare Nähe rückte, befiel mich eine regelrechte Arbeitswut. Da hab ich es aufgegeben und einige Leute angerufen.

tAMtAM berlin: War das schwer für Sie?

Dupont: Überhaupt nicht.

tAMtAM berlin: Und nun haben Sie über ein Jahrzehnt gebrütet und herausgekommen ist – der explodierende Raum.

Dupont: Sehen Sie, das wird immer viel zu verkürzt dargestellt. Ein Ergebnis meiner jahrelangen Kasteiung ist der explodierende Raum, das ist wahr, aber das ist doch nicht das Einzige, was ich aus der Ödnis mitgebracht habe. Aber diese Sache mit der Explosion macht sich in den Medien offenbar am besten.

tAMtAM berlin: Exakt. Wir schauen eben gern dorthin, wo es knallt. Wo ist das bei Ihnen?

Dupont: Diese ganzen Opernstoffe sind doch vollkommen überholt. Das sagt an den Häusern keiner, aber alle denken es, ich weiß ganz sicher, dass sie das alle denken. Ich habe mich im Gedankenlesen geübt in den letzten Jahren.

tAMtAM berlin: Sind Sie in die Hirnwindungen der Intendanten gekrochen?

Dupont: Ach was. Ich habe mir nur regelmäßig Castingshows im Fernsehen angesehen, da lernt man alles, was man über das mystische menschliche Gesichtsdreieck wissen muss.

tAMtAM berlin: Das da wäre?

Dupont: Mundwinkel plus Krähenfüße: Ihre Koexistenz, ihr gegenseitiges Verhalten, die Spezifik ihrer Ausprägung in der Vertikalen.

tAMtAM berlin: Alles klar. Lassen Sie uns zum explodierenden Raum zurückkehren.

Dupont: Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass in unseren Breiten die Räume zu voll sind. Weil wir künstlich Räume erschaffen, zusätzlich zu denen, die von Natur aus da sind. Nennen Sie sie virtuell, mehrdimensional, abstrakt, was auch immer – jedenfalls treten diese Räume in Interaktion mit unseren ursprünglichen Räumen, jenen, die vor uns da waren. Der Effekt ist der einer Genmanipulation. Wir haben keine Ahnung, was dabei herauskommt.

tAMtAM berlin: Ihre Theorie ist, dass „der“ Raum irgendwann explodiert.

Dupont: Und das ist überhaupt nicht so abwegig, wie alle immer behaupten!
Wir quetschen immer mehr auf immer weniger Quadratmeter. Ob das nun Legehennen sind oder Maschinenbaustudenten, sie alle kommen massenhaft vor, wohnen auf einem Haufen und werden beständig durchsiebt von allerlei merkwürdiger Strahlung, die Informationen transportiert. Kann das gutgehen? Ich sage – wer weiß, aber im Falle der Oper ist es eine durchaus glückliche Entwicklung.

tAMtAM berlin: Die durchsiebten Legehennen verwenden Sie für Ihre Kulissen.

Dupont: Ich verwahre mich gegen jegliche Tierquälerei, dafür bin ich ein zu mitfühlender Mensch. Der Oper hingegen, dieser verkrusteten Institution mit der Beton-Ideologie, der schadet so eine kleine Raum-Explosion absolut nicht. Das ist, als würden Sie den Eiter aus einem Furunkel drücken. Nach der Explosion bleibt alles rein und gesünder zurück.

tAMtAM berlin: Ein charmanter Vergleich! Ihre „kleine Raum-Explosion“ führte in Ihrer „Bohème“-Inszenierung vom März 2012 dazu, dass sämtliche Kulissen zu offenbar unerwarteten Zeitpunkten über den Beteiligten zusammenbrachen bzw. an anderer Stelle plötzlich wieder auftauchten. Sowohl die Sänger auf der Bühne als auch die Musiker im Orchestergraben waren ob der tumultartigen Zustände nicht mehr in der Lage, die Oper zu Ende zu bringen. Sie hatten scheinbar mit einem solchen Szenario gerechnet: Die Oper wurde a capella aus dem Off von der Zweitbesetzung weitergesungen.

Dupont: Ein erhabener Moment!

tAMtAM berlin: Haben Sie Ihre Sänger im Stich gelassen, wie allerorten behauptet wird, und das nur um davon abzulenken, dass ein wirkliches Konzept Ihrer Inszenierung fehlte?

Dupont: Das müssen Sie nicht mich fragen, sondern die Sänger. Im Übrigen wussten alle Beteiligten, dass bei der Aufführung Unerwartetes geschehen würde. Das war Teil meines – durchaus vorhandenen – Konzepts. Sämtliche Kulissen sind aus einem Schaumstoffgemisch hergestellt. Zu keinem Zeitpunkt der Aufführung war irgendjemand ernsthaft in Gefahr.

tAMtAM berlin: Sie haben zumindest Ihre eigene Opern-Aufführung gesprengt – haben Ihnen diesmal die anderen fünfzehn Jahre Pause verordnet?

Dupont: Im Gegenteil! Ich habe sehr viele Anfragen bekommen, hauptsächlich aus dem ostdeutschen Raum. Ich soll in Gebäuden inszenieren, die gesprengt werden sollen, weil sie durch die Abwanderung der Bevölkerung nicht mehr benötigt werden. Ich plane zudem eine Inszenierung in einem stillgelegten Atomkraftwerk.

tAMtAM berlin: Hoffentlich überlegen Sie sich das in diesem Fall noch einmal mit der Sprengung. Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wie Monsieur Dupont aussieht, wenn er Whisky schlürft?
Hier gibt es die Fotos zum Interview.

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