„Medien, das sind die Zahnspangen der Postmoderne“

Zwei Monate nach seiner vieldiskutierten Operation spricht der Künstler Merlin Baltharaz erstmals über Beweggründe für diesen Schritt, über sein Verhältnis zur Presse und die Angst vor der totalen Künstlichkeit der Welt.

In seinem Berliner Atelier hält sich Merlin Baltharaz nur noch selten auf. Es liegt im fünften Stock eines Kreuzberger Altbaus: Kein Fahrstuhl, dafür ein endloses Treppenhaus. Seit seiner OP tut Baltharaz sich schwer mit dem Treppensteigen – für unser Interview hat ihn seine Lebensgefährtin in einem kleinen Spankörbchen nach oben getragen. Nun hockt Baltharaz auf einem Hocker und schaut missmutig.

tAMtAM berlin: Sagen Sie, Herr Baltharaz, wieso sehen Sie eigentlich aus wie ein Hase?

Foto © tAMtAM berlin

Baltharaz: Sind Sie gekommen, um dämliche Fragen zu stellen?

tAMtAM berlin: Naja, das ist das, was ich tue. Mein Beruf sozusagen.

Baltharaz: Es gibt Menschen, die fristen ein erbärmliches Dasein.

tAMtAM berlin: Was mich wieder zu der Frage bringt, weshalb Sie sich zum Hasen haben umoperieren lassen.

Baltharaz: Ich hatte das Bedürfnis, mein Innerstes nach außen zu kehren. Ich wollte der Welt zeigen, wie ich wirklich bin.

tAMtAM berlin: Ihre letzte Ausstellung in Berlin (I.N.T.E.R.I.E.U.R., Werkschau. Galerie Plompkin, Berlin-Neukölln, Frühjahr 2011) liegt nun schon fast ein Jahr zurück, bereits dort war das Nach-außen-Tragen ein Thema. Sie haben Erbrochenes fotografiert und am Computer zu einer gigantischen Collage zusammengefügt.

Baltharaz: Ich nenne es ‚einen Kotzteppich weben‘.

tAMtAM berlin: Sie provozierten einen Skandal, indem Sie an geladene Gäste selbstgedruckte Flyer verteilten, auf denen eine – fiktive – Folgeausstellung angekündigt wurde, die den Titel „Mit Scheiße malen“ trug. Vor allem für einige Medienvertreter war dies offenbar eine zu hohe Fäkaliendichte.

Baltharaz: Aber die haben sich ja gerade nicht über die Kotze und die Scheiße beschwert! Statt dessen haben sie versucht, Rückschlüsse auf meine Person zu ziehen. Was ich für ein Irrer sei mit meiner Verliebtheit in menschliche Ausscheidungen. Welch pathologisches Verhalten. Schäden aus der Embryonalphase. Blablabla.

tAMtAM berlin: Wenden Sie sich mit Ihren Aktionen direkt gegen den Voyeurismus in unserer modernen Mediengesellschaft? Gegen die Abstumpfung durch die allgegenwärtige Bilderflut?

Baltharaz: Ihr Journalisten müsst immer sofort höhere Intentionen suchen. Intentions-Kacker seid ihr, die bei anderen wildern müssen, guten Geschmack vortäuschen, wobei ihr doch im Grunde niemals einen guten Geschmack hattet, nur einen nachempfundenen guten Geschmack. Wie ihr ja überhaupt nie etwas eigenes hattet, immer nur ein Nachempfundenes, auch kein eigenes Leben, keine eigene Existenz im Grunde, nur eine nachempfundene.

tAMtAM berlin: Es reizt mich absolut nicht, nachzuempfinden, was ein Mensch fühlt, der Kotze fotografiert.

Baltharaz: Sehen Sie, das war Ihre erste ehrliche Aussage am heutigen Tag!

tAMtAM berlin: Suchen Sie den Menschen in Ihren Arbeiten oder die Provokation?

Baltharaz: Was ist der Mensch? Ein armes Wesen, auf diese Welt gekommen, um die andern Menschen zu ärgern.

tAMtAM berlin: Also die Provokation.

Baltharaz: Und mit den Schubladen haben Sie‘s auch noch.

tAMtAM berlin: Was planen Sie als nächstes, werden Sie weiterhin mit dem Computer arbeiten?

Baltharaz: Haben Sie schon einmal einen Hasen am Computer gesehen?

tAMtAM berlin: Diese kleine Hürde überwinden Sie doch sicherlich auch noch.

Baltharaz: Ich will zurückkehren zu ursprünglicher, unverstellter Kunst. Mich vollständig abtrennen von allem, was diese Künstlichkeit ausmacht, die uns umgibt, in der wir aufgewachsen sind, in dem heillosen Wahnsinn der Künstlichkeit –

tAMtAM berlin: … ja?

Baltharaz: Jedenfalls verabscheue ich all das Gestelzte, Aufgebauschte der Medien.

tAMtAM berlin: Die Medien sind ein bequemes Feindbild geworden, weil niemand mehr zu wissen scheint, was er eigentlich meint, dieser Begriff.

Baltharaz: Es ist mir vollkommen egal, was all die Niemands unter diesem Begriff verstehen.

tAMtAM berlin: Vielleicht können Sie diesen Niemands ja Ihre Definition mit auf den Weg geben?

Baltharaz: Medien, das sind die Zahnspangen der Postmoderne.

tAMtAM berlin: Wären Sie eventuell geneigt, diese These weiter auszuführen?

Baltharaz: Sie zwängen die Menschen in ein Korsett, von dem sie ihnen vorgaukeln, es würde sie attraktiver machen. Sie suggerieren Teilhabe, dabei kontrollieren sie die Massen, indem sie eine ästhetische Norm diktieren und diese als „Natürlichkeit“ verkaufen.

tAMtAM berlin: Und wer sind „sie“ genau?

Baltharaz: Haben Sie Ihre vorletzte Frage schon wieder vergessen?

tAMtAM berlin: Und Ihre Operation ist also der Versuch, sich der ästhetischen Normierung zu entziehen.

Baltharaz: Es geht darum, Personen wie Ihnen etwas entgegenzusetzen, das sie nicht einordnen können.

tAMtAM berlin: Glücklicherweise haben Sie für Ihre Aktion einen Hasen gewählt und keine Bulldogge.

Baltharaz: Sehen Sie, tief in meinem Herzen bin ich eben ein Menschenfreund.

tAMtAM berlin: Danke für das Gespräch.

 

Und hier:
Die Bilderstrecke zum Interview!

 

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